„Wir haben internationale Verantwortung“

Eugen Drewermann zeigt bei pax christi „Wege zum Frieden“auf

Am 22. Juni 2021 jährte sich zum 80. Mal der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Dieser als Vernichtungskrieg geplante Angriff brachte unendliches Leid über die Menschen. „Allein in der Sowjetunion forderte dieser Krieg mehr als 27 Millionen Todesopfer, vorwiegend in Russland, der Ukraine und Belarus. Die Hälfte der Todesopfer waren Zivilisten.“ Die Einladerin Maria Buchwitz, Vorsitzende des Diözesanverbandes pax christi im Bistum Münster, erinnerte schon bei der Begrüßung des Redners Eugen Drewermann und der gut 100 Zuhörer*innen in der Liebfrauen-Überwasserkirche an die Verbrechen der Deutschen, die den „Untermenschen“ im Osten Europas das Leben und ihr Land nehmen wollten. Sie sieht die Internationale Politik heute vor einem „Scherbenhaufen“ stehend und warnte ausdrücklich: „Wir sind in einer Phase des neuen Wettrüstens!“

Überfall auf die Sowjetunion war von Rassismus geprägt

Eugen Drewermann, Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller, der als suspendierter römisch-katholischer Priester 2005 aus der Kirche austrat, sprach gut eine Stunde frei vor dem Publikum und zog einen historischen Bogen vom 1. Weltkrieg bis zur heutigen Situation, bei der die Militärmacht NATO bis an die Grenzen des russischen Territoriums vorgedrungen ist. Maria Buchwitz bezeichnete anschließend den Vortrag zum „schwierigen Thema“ (Eugen Drewermann) als „beeindruckend und berührend.“

Drewermann eröffnete mit der Aussage, dass Deutschland Russland 1941 mit drei Millionen Soldaten in der Absicht überfiel, Russland zu vernichten. Dieser Kampf gegen „Untermenschen“ wäre blanker Rassismus gewesen. Dieser sei schon im barbarischen 1. Weltkrieg gelegt worden, als ganze Landstriche mit Gas gegen das „Ungeziefer“ (die gegnerischen Soldaten) vergiftet wurden. Als dann „russisch gesprochen“ 1941 der „Große vaterländische Krieg“ begann, seien die Menschen in Deutschland passiv geblieben. Drewermann bezeichnete es als „Wahnsinn des Denkens, dass Krieg irgendwelche Probleme lösen könne.“

Maria Buchwitz, Vorsitzende des Diözesanverbandes pax christi im Bistum Münster, begrüßte am Dienstag in der Überwasserkirche den Theologen, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann. (Fotos: Werner Szybalski)

Massengrab Mittelmeer

Er schlug auch eine Brücke zu den aktuellen Geschehnissen insbesondere im Massengrab Mittelmeer. Aufgrund der deutschen Geschichte zeigte er sich überzeugt: „Wir haben internationale Verantwortung.“ Die Politik würde die Menschen so erziehen, dass diese die Herrschenden stütze. Wollten wir die Welt besser machen, so müssten wir uns engagieren. „Glauben sie niemals der Lüge. Wir müssen eingreifen.“

Wir alle werden Russen

Drewermann plädierte für einseitige Abrüstung, da der Westen, verglichen mit Russland und China, das X-Fache für Rüstung ausgäbe und dies mit der falschen Propaganda: „Krieg ist Frieden und Rüstung ist Sicherheit – Lügen ist Wahrheit.“

Er zitierte Michail Michailowitsch Dostojewski, der gesagt habe: „Der Russe ist ein Mensch, der alles versteht.“ Drewermann versprach dem 1881 in St. Petersburg verstorbenen Schriftsteller: „Irgendwann – Wir alle würden Russen. Menschen, die alles verstehen. Und es wäre das Ende des Krieges.“ Er forderte Schluss mit dem Militär, Austritt aus der NATO. Ende mit der Aufrüstung. Versöhnung ist das Gebot der Stunde!

„Wir möchten irgendwann Frieden“

Hugo Elkemann

Die abschließende Diskussionsrunde eröffnete Hugo Elkemann (Friedenskooperative Münster), der an die ambivalente Situation in der Stadt Münster erinnerte. Es würde gerade geplant, in der Richthofen-Kaserne ein Einsatzhauptquartier für 65.000 Soldaten – gegen Russland – aufzubauen. Drewermann antwortete, dass die Friedensstadt Münster, in der 1648 der 30-jährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden beendet wurde, hätte die gottverdammte Pflicht zum Frieden mit Russland zu sorgen. Die Stadt hätte der Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer widersprechen müssen, die 60.000 deutsche Soldaten gewissermaßen als Krisensonderkommandotruppe im Kampf gegen Russland stramm stehen lassen wolle: „Wir wollen nicht den 30-jährigen Krieg und wir wollen nicht den ewigen Krieg. Wir möchten irgendwann Frieden.“

Anschließend verdeutliche Drewermann am 30-jährigen Krieg, worum es auch in dem Religionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken, für den zwei Drittel des Europas vernichtet wurden, tatsächlich gegangen wäre: „Er brach aus an der Gnadenlehre Martin Luthers. […] Worum es ging, war blanke Machtpolitik.“

Zwei Seiten derselben Medaille

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion und die deutschen kolonialistischen Verbrechen

Am Dienstag, dem 22. Juni 2021, jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 80. Mal. „Zur gleichen Zeit, in der wir dieses verbrecherischen Krieges – eines Vernichtungskrieges – gedenken, hat die Bundesregierung den deutschen Völkermord vor über 100 Jahren an den Herero und Nama anerkannt. Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille“, erklärte Thomas Siepelmeyer vom Arbeitskreis Afrika (AKAFRIK), der am Montag (21. Juni) der kommenden Woche eine Mahn- und Gedenkveranstaltung mitorganisiert.

Fast versteckt steht das Stalingrad-Denkmal der „Traditionskameradschaft der 16. Panzer-Division und 16. Infanterie-Division Münster in Westfalen“ am Kalkmarkt (Münzstraße). Vor 60 Jahren – gestattet vom Rat der Stadt Münster – wurde es zunächst gegenüber dem Clemenshospital aufgestellt. Es gehört zu den wenigen Kriegsdenkmälern in Münster, die erst in der Bundesrepublik errichtet wurden. (Fotos: Werner Szybalski)

Deutschland überfiel 1941 die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion. Dieser Krieg und die anschließende Besatzung durch die Deutschen brachten unermessliche Gewalt und unendliches Leid in das Land. 27 bis 35 Millionen Einwohner*innen der damaligen Sowjetunion starben im Zweiten Weltkrieg. Der Sieg über die Deutschen Aggressoren knapp vier Jahre später wurde von den Menschen in der Sowjetunion teuer bezahlt. So wurden zum Beispiel in der relativ kleinen weißrussischen Sowjetrepublik, in das heutige Belarus marschierten die Deutschen als erstes ein, fast 1000 Dörfer und Städte gewaltsam ausradiert. Durch die deutsche Belagerung von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, verhungerten zwischen 1941 und 1944 um die 800 000 Einwohner*innen. Auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt war als Wehrmachtsoffizier für ein Jahr Teil dieses mörderischen Kommandos, was im offiziellen Gedenken in Deutschland nur selten größere Beachtung fand und findet.

„Rassenkriegs“ gegen die indigenen Völker Namibias

Zur gleichen Zeit, in der wir dieses verbrecherischen Überfalls gedenken, versucht die deutsche Regierung ein Abkommen mit Namibia abzuschließen. In diesem will sie den Völkermord der Deutschen an den Ovaherero und Nama – nach 113 Jahren – endlich anerkennen. „Die Bundesrepublik gab nun bekannt, die damaligen Praktiken eines »Rassenkriegs« (race war) gegen die indigenen Völker Namibias als das zu bezeichnen, was es war: Völkermord“, erläuterte Thomas Siepelmeyer. Verteilt über die nächsten 30 Jahre sollen insgesamt 1,1 Milliarden Euro „an bestehende Hilfsprogramme“ gezahlt werden.

„Diese Summe entspricht ungefähr dem Haushalt der Stadt Münster – für ein einziges Jahr! Für die Betroffenen eine Beleidigung“, so Siepelmeyer. Das Abkommen, das aus bilateralen Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung hervorgegangen ist, würde von vielen traditionellen Führern und Repräsentanten der betroffenen Gemeinden abgelehnt und als „Beleidigung“ bezeichnet. Dies hält Afrika-Experte Thomas Siepelmeyer für eine zutreffende Einschätzung: „Es ist eine raffinierte diskursive Verwandlung von fortlaufenden Entwicklungshilfezahlungen in eine große versöhnliche Geste.“

Thomas Siepelmeyer

Die Betroffenen sähen dies als zusätzliche Beleidigung für die Jahrhunderte herablassende Haltung gegenüber Ungerechtigkeit und Degradierung der Menschen in Afrika. Der Versuch, die dunkle Vergangenheit in Bezug auf Namibia aufzuarbeiten, bliebe halbherzig. Siepelmeyer: „Aber immerhin, ein erster Schritt ist gemacht.“

Verständigung mit Russland fehlt

Für die Aufarbeiteung Deutschlands dunkler Vergangenheit in Osteuropa fehlt dieser erste Schritt noch. Man hat den Eindruck, dass viele deutsche Politiker daran arbeiten, bewusst oder unbewusst, die alten, von den Nazis übernommenen antirussischen Ressentiments zu reaktivieren. Eine Verständigung mit Russland fehlt. Ein dauerhafter Friede und Völkerverständigung könnte aber nur gelingen, wenn die russischen Ängste ernst genommen würden.

Die Angst vor Deutschland habe seine Gründe. Als Deutsche müssten wir uns immer wieder klar machen, dass diese Ängste und Befürchtungen nicht unbegründet seien. Die deutsche Nation wurde durch den Krieg gegen Frankreich 1870 chauvinistisch begründet. Ihre erste Aktion war die Unterstützung der französischen Reaktion bei der Niederschlagung der Pariser Kommune vor 150 Jahren. Die Blutspur des deutschen Militarismus führte über den Völkermord in Afrika und die beiden Weltkriege zum Völkermord an den Juden und Jüdinnen Europas, den Sinti und Roma und den Menschen in den Gebieten der überfallenen Sowjetunion.

„Eine aufgezwungene deutsche Identität lehnen wir ab. Wir stellen uns überall und immer auf die Seite der Opfer und ihrer Nachfahren. Zu den Opfern des deutschen Militarismus gehören auch die Zwangsarbeiter*innen. Tausende Männer, Frauen und Kinder wurden nach Deutschland verschleppt – auch nach Münster“, so der Aufruf zur Demonstration am kommenden Montag (21. Juni). Am Dienstag danach wird in Hiltrup, wo sich das Zwangsarbeitslager „Waldfried“ befand, den Zwangsarbeiter*innen mit einem Rundgang gedacht.

Veranstaltungen

  • Montag, 21. Juni 2021
  • Ab 16.30 Uhr: Kundgebung am Traindenkmal / Ludgeriplatz
  • Thomas Siepelmeyer: „Der deutsche Völkermord in Namibia“
  • 18.00 Uhr: Demonstration durch die Innenstadt
  • 18.30 Uhr: Kundgebung am Stalingrad-Schandmal am Kalkmarkt / Münzstraße
  • Gerhard Schepper: „Die russische Sicht ernst nehmen – Bericht über eine Reise nach Russland an Orte, wo mein Vater kämpfte“
  • Hugo Elkemann: „Wie eine neue Erinnerungskultur aussehen muss“
  • im Anschluss weitere Redner*innen, Musikstücke, Lesung sowie Diskussionsmöglichkeit
  • Dienstag, 22. Juni 2021
  • 16.00 Uhr: Rundgang zum Gedenken an die ermordeten Zwangsarbeiter in Hiltrup, Zwangsarbeitslager „Waldfriede“ zwischen Kanal und Hiltrup-Ost (VVN, pax christi, u.a.)
  • 19.00 Uhr: Eugen Drewermann: „Wege zum Frieden“ – Vortrag und Diskussion, Überwasserkirche (pax christi)

Späte oder verdrängte Erinnerung?

Überfall auf die Sowjetunion 1941 und sowjetische Zwangsarbeiter*innen in Hiltrup

Am 22. Juni diesen Jahres jährt sich zum 80. Mal der Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion. „Der Überfall und die anschließende Besatzung brachten unermessliche Gewalt und unendliches Leid über das Land. Im Zweiten Weltkrieg starben ca. 27 Millionen Bürger*innen der Sowjetunion. Im offiziellen Gedenken in Deutschland spielt dieses Ereignis oftmals keine sehr prominente Rolle. Noch weniger bekannt ist, dass seit 1943 Tausende Männer, Frauen und Kinder als Zwangsarbeiter*innen nach Deutschland verschleppt wurden – auch nach Hiltrup. Im Wäldchen zwischen Kanal und Hiltrup-Ost standen Bunker und das Zwangsarbeiterlager „Waldfrieden“, in dem es heute einen Gedenkstein sowie einige Überreste der Bunker und drei Infotafeln gibt. Mit einem Gedenken an die Kriegstoten und Zwangsarbeiter*innen in Hiltrup wollen wir an den 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion erinnern“, schreibt pax christi Münster, die katholische Friedensbewegung im hiesigen Bistum, auf ihrer Webseite.

Erinnerungsrundgang in Hiltrup

Gemeinsam mit der Pfarrei St. Clemens Hiltrup-Amelsbüren, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. soll am Dienstag, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, mit einem Rundgang an die Opfer erinnert werden. Er beginnt um 16 Uhr vor dem Eingang des Alten Friedhofs in Hiltrup (Friedhofstraße 21).

Kaplan Andreas Britzwein wird den Gang an der Ehrenmalanlage eröffnen, bevor Detlef Lorber vom VVN/BDA etwas zur Geschichte des Überfalls auf die Sowjetunion 1941 berichtet. Im Anschluss wird Jens Effkemann vom Volksbund eine Einführung zu den Kriegsgräbern auf dem Friedhof geben. Der Gang setzt sich über eine Station an der Christuskirche in der Hülsebrockstraße fort, vor der Stefan Leibold von pax christi einige Gedanken über die bleibende Mahnung des Krieges formuliert. Im Wäldchen in Hiltrup-Ost wird der VVN/BdA über die Geschichte des Lagers  „Waldfrieden“ berichten, es gibt die Möglichkeit, das Gebiet zu erkunden und über Aspekte des Themas zu sprechen.

Drewermann spricht in der Überwasserkirche

Am gleichen Tag um 19 Uhr wird auf Einladung des Diözesanverbandes pax christi im Bistum Münster Eugen Drewermann in der Überwasserkirche zum Thema „Russland – Wege zum Frieden“ sprechen.

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann spricht am Dienstag, den 22. Juni, um 19 Uhr in der Liebfrauen – Überwasserkirche zum Thema „Wege zum Frieden“. Drewermann besucht Münster auf Einladung des Diözesanverbandes pax christi im Bistum Münster. (Foto: Wikipedia / Amrei-Marie)

In Erinnerung an die mehr als 27 Millionen Todesopfer in Russland, der Ukraine und Belarus spricht der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann zum Thema „Wege zum Frieden“. Interessierte haben die Möglichkeit, nach dem Vortrag mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Pax christi bittet Interessierte sich per Email (muenster@paxchristi.de) unter Angabe der Adresse und Telefonnummer anzumelden. In der Überwasserkirche finden unter Einhaltung der Coronaschutzverordnung bis zu 150 Personen Platz.