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Fußball in der Wüste

„Für Hochtief, Siemens, Deutsche Bahn und Co. winkten riesige Aufträge .“

Am 5. Februar 2019 liest Glenn Jäger, Experte für das WM-Ausrichterland Katar, in Münster. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach Werner Szybalski mit dem in Bonn lebenden Autoren.

Herr Jäger, Oliver Bierhoff besuchte Anfang diesen Monats im DFB-Auftrag Katar. Er schien begeistert zu sein. Teilen sie seine Vorfreude?

Glenn Jäger: Bierhoff besuchte Katar, während der FC Bayern dort Anfang Januar zum jährlichen Trainingslager war. Der DFB und die Bayern treten ja gerne mal als Gespann auf. Die Verbindungen waren auch offensichtlich, als 2010 die WM nach Katar vergeben wurde. Die Interessen überschneiden sich, auch im Verbund mit der Wirtschaft.

Katar, ist ein bei uns wenig bekanntes Emirat. Was müssen wir über diesen Fleck der Erde wissen?

Jäger: Halb so groß wie Hessen, knapp drei Millionen Einwohner, davon rund 300 000 Kataris. Der Rest sind Arbeitsmigranten, deren Bedingungen sind einigermaßen bekannt. Das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt – für die einheimische Bevölkerung. Die Grundlage: gigantische Erdgasvorkommen. Die Zeit verarmter Perlentaucher ist lang vorbei.

Vor kurzem waren deutsche Panzer in einer Militärschau in Doha, der Hauptstadt Katars, zu sehen. Wissen Sie etwas über die militärischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Emirat?

Jäger: Regelmäßig sind Schlagzeilen zu lesen, wie die von Ende Januar 2019: „Bundesregierung genehmigt Waffenexport nach Katar“. Seit Jahren sind die Rüstungsexporte ein lohnendes Geschäft. Die militärische Präsenz im Land ist indes den USA vorbehalten – mit deren größtem Stützpunkt in der Region.

Unklar ist vielfach auch, wer Bündnispartner des Wüstenfleck ist und wer sich feindlich verhält. Können Sie Licht ins Dunkel bringen?

Jäger: Mitte 2017 verhängten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Bahrein eine Blockade gegen Katar. Zwar verfolgte man etwa bei der Unterstützung von Dschihadisten in Syrien gemeinsame Ziele. Doch ansonsten war ihnen das kleine Emirat zu eigenständig geworden. Ein Schritt, der sich vor allem gegen den Iran richtete, mit dem Katar ausgleichende Beziehungen unterhält, allein schon wegen eines gemeinsamen Erdgasfeldes. Bis heute sind die Fronten verhärtet. Die USA setzen auf beide Karten. Die engen Beziehungen Deutschlands und Katars machte zuletzt im September ein milliardenschwerer Investitionsgipfel in Berlin deutlich.

Ein Begriff, der im Zusammenhang mit Katar fällt, gehört zum politischen Islam. Wer oder was ist Al-Wahhab?

Jäger: Auf Al-Wahhab geht der Wahhabismus zurück, die Staatsreligion des saudischen Königshauses. Katar verfolgt innenpolitisch eine Light-Version davon, unterstützt aber außenpolitisch die Muslimbrüder. Da stießen Interessen Katars und Saudi-Arabien bereits etwa 2011 während des Arabischen Frühlings aufeinander. Unabhängig davon betrieb man vor allem in Syrien gemeinsam und im Verbund mit dem Westen eine Regime-Change-Politk.

Glenn Jäger.

Katar sponsert Paris Saint-Germain und auch Bayern München. Ist Katar so fußballbegeistert?

Jäger: Mit dem Kauf von PSG und dem Sponsoring des FCB verfolgt man andere Ziele. Das fing übrigens kurz vor Vergabe der WM nach Katar an. Zufall? Nun, ohne mächtige Interessen aus Deutschland und Frankreich wäre eine WM in Katar nicht vorstellbar. Dass Beckenbauer und Platini damals FIFA-Delegierte waren, das nur nebenbei. Die Fußballbegeisterung im Land wird derzeit bestenfalls künstlich erzeugt, zuvor gab es sie kaum.

Die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark ist gerade zu Ende. Zuvor hat sie Katar stattgefunden. Wie schätzen Sie die großen Investitionen des Emirates in das weltweite Sportbusiness ein?

Jäger: 2015 richtete man die Handball-WM in Katar aus, der Gastgeber wurde mit großem Aufwand Vizeweltmeister. Viele Beispiele ließen sich ergänzen, sie zeigen: Über den Sport betreibt Katar eine Softpower-Politik, um sich auf internationaler Bühne besser zu vermarkten. Städte und Länder werden ja zunehmend wie Unternehmen regiert, neben Investitionen in Kunstsammlungen etc. ist der Sport Teil einer selbst erklärten Agenda 2030, mit der man sich als Globaler Player „aufstellen“ will.

In Deutschland, genauer gesagt in Frankfurt, wo auch der DFB seinen Sitz hat, sei gejubelt worden, als die WM 2022 nach Katar vergeben wurde. Wissen Sie warum?

Jäger: Große Unternehmen drängten auf eine WM in Katar. Für Hochtief, Siemens, Deutsche Bahn und Co. winkten riesige Aufträge. In Frankfurt saß auch ein Planungsbüro, dass die Bewerbungsunterlagen für Katar zusammenstellte.

Sehr zum Leidwesen zahlreicher Fans ist der Profifußball zum Großgeschäft des herrschenden Liberalismus geworden. Trotz aller Veröffentlichungen, Stichwort Fußball Leaks, die stoisch zur Kenntnis genommen werden, lieben unzählige Frauen und Männer diesen Sport. Aber auch Fans ziehen Grenzen. Klebt am Geld aus Katar Blut?

Jäger: Nun gut, vielleicht im übertragenen Sinne bzw. wenn damit auf die tödlichen Unfälle auf WM-Baustellen angespielt wird. An den Arbeitsbedingungen verdienen ja auch westliche Unternehmen prächtig, das haben Gewerkschaftsverbände deutlicher gemacht als manche eine Menschenrechtsgruppe.

Wie sollte ich mich als schwuler Biertrinker beim Besuch der nächsten WM im Gastgeberland verhalten?

Jäger: Vermutlich wird es auch Kreuzfahrtschiffe geben, die vor der Küste liegen. Nach dem Stadionbesuch kann man dann gleich wieder zurückpendeln und die dritte Halbzeit angehen.