• Di. Jun 15th, 2021

„Ich lehre euch Gedächtnis“

Während meiner durch den zweiten Bildungsweg verspäteten Studienzeit jobbte ich in den späten 80er Jahren nahezu täglich in dem kleinen Zeitungsladen der ehemaligen Bahnhofsbuchhändlerfamilie Zühlke. In dem kleinen Kabuff neben dem Aufgang zum Gleis drei hatte ich viel Zeit für Gespräche. Dies wusste Paul Wulf zu schätzen. Fast täglich besuchte er mich, um mit mir die neuesten Erkenntnisse seiner Forschungsarbeiten zur Nazizeit und der unbewältigten Vergangenheit aus dem Blickwinkel eines überzeugten Antifaschisten und Naziopfers zu diskutieren.

Zu dieser Zeit bekam Paul Wulf, der immer mit einer überquellenden Aktentasche, in der sich unzählige Kopien von Dokumenten und Zeitungsartikeln befanden, nur zaghaft den Respekt, den er sich durch seine unermüdliche Forschungs- und Aufklärungsarbeit verdient hatte. Zwar begegneten viele Passanten Paul Wulf vorsichtig bis abschätzig, aber er ließ sich nicht beirren. Unermüdlich sorgte er mit Ausstellungen für Aufklärung und machte Geschichte von unten erlebbar.

Ich habe, damals in der zweiten Hälfte meiner 20er Jahre, sehr viel von Paul Wulf und seinem Engagement gelernt. Zunächst beeindruckte mich natürlich sein hohes Engagement, mit dem er sein eigenes und das millionenfach erlittene Leid aus der Geschichte in die Gegenwart holte. Seine Motivation, nicht nur – teilweise noch völlig unbestrafte – Täter zu identifizieren sowie deren Taten und ihre Wirkung öffentlich zu machen, sondern auch sein Bestreben, die dafür verantwortlichen Strukturen offen zu legen, motivierten mich, Journalist zu werden.

Paul Wulf stand im täglichen Kampf mit unzähligen Menschen, die am liebsten alles verdrängen oder vergessen wollten. Nicht nur Belastete, sondern auch viele Privilegierte waren (und sind) bestrebt, aufklärerische Menschen – wie Paul Wulf einer war – an den Rand zu drängen und sie zu marginalisieren.

Der Freundeskreis Paul Wulf hält nicht nur durch die Pflege der Paul-Wulf-Skulptur am Servatiiplatz, sondern auch durch öffentliches Wirken, die Erinnerung an den „Helden der Aufklärung“ (Bernd Drücke) wach. Im Frühjahr erschien im Unrast-Verlag das über 300 Seiten starke Buch „Ich lehre euch Gedächtnis“.

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): „Ich lehre euch Gedächtnis“, Münster 2921, Unrast-Verlag, ISBN: 978-3-89771-87-0, 305 Seiten, 19,80 €.

Der Freundeskreis Paul Wulf hat alte, aber auch neue Texte zusammengetragen, die sich mit Paul Wulf, seinem Leben und Wirken auseinandersetzen. Gut ein Drittel des Werkes beschäftigt sich mit dem Wirken des Freundeskreises nach Wulfs Tod am 3. Juli 1999. Sie setzen Paul Wulf damit ein Denkmal zwischen Buchdeckeln. Zudem dokumentieren die Aktivist*innen ihr eigenes erfolgreiches Wirken – „Geschichte von unten“ als Beispiel und Vorlage.

Viele Seiten dokumentieren die oben erwähnten von Paul Wulf erstellten Ausstellungstafeln. Dies allein lohnt schon den Kaufpreis.

Geschichten und Gedichte von und über Paul Wulf,
Forschungsarbeiten und Interviews machen das Buch zu einem Fundus, in dem zu Stöbern sich lohnt. Dem Anspruch „Aus der Vergangenheit lernen und zum Handeln anleiten“ wird das Buch gerecht.