Selbst verwaltet und bedroht

Das Odak Kulturzentrum lud am Freitag (11. Oktober) Interessierte ein, sich mit der Situation von selbstverwalteten Betrieben auseinanderzusetzen. Die Beispiele der besetzten Seifenfabrik VioMe im griechischen Thessaloniki sowie der Bekleidungskooperative Kazova in Istanbul wurde in Filmen präsentiert und anschließend vom Publikum intensiv diskutiert. Die Veranstaltung moderierte Hidir Ates.

Hidir Ates (links) von Odak moderierte den Abend und führte in das Thema „Selbstverwaltete Betriebe“ ein.

Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise am Ende des vergangenen Jahrzehnts, die natürlich auch Griechenland betraf, ging 2011 eine Baustoff-Fabrik in Tessaloniki in Konkurs. Die Eigentürmer hatten ab Mai keine Löhne und auch keine Steuern und Sozialversicherungen mehr gezahlt. Da einzelne Arbeiter*innen der Aufassung waren, dass in dem Werk noch gut produziert werden könnte, besetzten sie das Fabrikgelände. Nach mühsamen Kampf konnte ab Februar 2013 die Produktion in dem Betrieb wieder aufgenommen. Nun allerdings von den Arbeiter*innen selbst organisiert und verwaltet. Produziert und vertrieben werden seitdem unter dem Label VioMe (auch bekannt als: BioMe) „solidarische Produkte“. Dazu gehören zum Beispiel Reinigungsmittel. Die Entscheidungen in der Fabrik, in der zur Zeit zwölf Mitarbeiter*innen beschäftigt sind, werden in täglichen Versammlungen kollektiv gefällt. Die Produkte werden in Griechenland auf speziellen Märkten für Direktvertrieb sowie weltweit über andere Kollektive (in Münster zum Beispiel von „roots of compassion“) vertrieben.

Die Produkte der griechischen selbstorganisierten Firma Vio.Me gibt es auch in Deutschland zu kaufen.

Angesichts der neuen konservativen Regierung in Griechenland ist das Unternehmen wieder direkt in der Existenz bedroht, wie die Arbeiter*innen von VioMe mit „kämpferischen und solidarischen Grüßen“ online mitteilen: „Der Staatsapparat und seine Helfer haben zuweilen versucht, uns in ein System hineinzuzwängen, das nicht zu uns passt, um uns der Maschinerie einer Bürokratie unterzuordnen, die wir ablehnen, vor allem wenn von Finanzierungen und Subventionen geredet wird. Schließlich sind wir auf die Unfähigkeit und den Unwillen des Apparates gestoßen, das Selbstverständliche zu tun, nämlich den Betrieb der Fabrik zu legalisieren. 
Sie behaupten, dass wir die Übeltäter seien, weil wir unser Recht auf Arbeit und Leben einfordern, indem wir die volle Verantwortung für das Funktionieren der Fabrik tragen, im Gegensatz zu „seriösen“ Geschäftsleuten, die die Profite einstecken, aber den Arbeiter*innen die Verluste aufbürden. Zweifelsohne wird die neue Situation diejenigen ernsthaft benachteiligen, die die Macht verlieren, aber sie wird uns noch viel mehr schaden, weil wir spärlich gewappnet mit entschieden aggressiven Machtstrukturen konfrontiert sind. 
Wir alle wissen sehr gut, dass die neue Regierung nicht nur VioMe nicht freundlich gesinnt ist, sondern überhaupt jedem Vorhaben ablehnend gegenübersteht, das die Macht des Kapitals in Frage stellt. Wir glauben, dass ihr erster Angriffspunkt die Stromversorgung sein wird. Deshalb benötigen wir eine internationale Unterstützung bei der Anschaffung eines Stromgenerators, der die Unterbrechung des Produktionsprozesses verhindert und uns hilft, unabhängig zu werden. Die Produktion, die uns am Leben erhält, darf keine Minute unterbrochen werden! Aus diesem Grund rufen wir griechische, europäische und internationale Gewerkschaften, Kollektive, Solidaritätsgruppen auf, uns bei der Beschaffung eines Biodiesel 200-kVA-Generators behilflich zu sein.“

Im zweiten Film im Odak wurde über Kazova-Textil berichtet. Seit 2013 produzierten in Istanbul Arbeiter*innen ohne Chefs in „ihrer besetzten Fabrik“ Pullover auf eigene Rechnung. 94 Arbeiter*innen leisteten ab Februar 2013 über 200 Tage Widerstand, nachdem der ehemalige Eigentümer sie für eine Woche in unbezahlten Urlaub geschickt hatte, um die Fabrik leer zu räumen. Seit vier Monaten hatten damals die Arbeiter*innen kein Lohn mehr erhalten. Sie mussten für die eigenen Rechte kämpfen und übernahmen die teilweise vom ehemaligen Eigentümer unbrauchbar gemachten Maschinen. „Das ist ein Produkt des Kazova-Widerstandes!“ prangerte fortan auf den Etiketten. Später, nachdem der Eigentümer sein Geld – statt wie versprochen für die ausstehenden Löhne für die eine Neugründung verwendet hatte – zog der selbst verwaltete Textilbetrieb in neue Räumlichkeiten, wo weiter eigenverantwortlich und solidarisch produziert wurde.

„Unsere Veranstaltung zum Thema selbstverwaltete autonome Prozesse, anhand der Beispiele von VioMe in Thessaloniki und Kazova in Istanbul, ist mit unerwartet großer Beteiligung und viel Erfolg im Odak Kulturzentrum durchgeführt worden. Es hat einen lebendigen und produktiven Austausch unter den Anwesenden stattgefunden. Die verschiedenen Modelle kollektiver und kooperativer Strukturen aus Griechenland, der Türkei und auch aus Münster standen im Fokus der Diskussion“, resümierte ein zufriedener Hidir Ates.

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