• So. Nov 28th, 2021

Klimagespräch analysiert auch die Angebote der Stadtwerke Münster

Michael Tillmann lud am Donnerstag (18. Juni) wieder zu den Münsteraner Klimagesprächen. Sie fanden als Onlineveranstaltung statt. Thema der rund 90-minütigen Sitzung mit 49 Teilnehmer*innen war „Klimaneutralität und Klimakompensation – wie kann das gelingen?“. Eingeladen hatte Michael Tillmann den Geschäftsführer der Stadtwerke Münster für den Bereich Energie, Sebastian Jurczyk, und den Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Andreas Löschel, der an der WWU Münster mit der Ökonomie der Energiewende befasst. Löschel ist Vorsitzender der Experten-Kommission „Energie der Zukunft“. Er nimmt auf wissenschaftlicher Basis zu den jeweiligen Monitoring-Berichten der Bundesregierung Stellung – zuletzt im Februar 2021. Die Moderation des Klimagesprächs hatte Professor Dr. Tillmann Buttschardt vom Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (ZIN) übernommen.

Lokaler Dienstleister rückt ins Zentrum des Klimagesprächs

Einlader Michael Tillmann ist klimapolitisch in mehreren Initiativen in Münster aktiv. Er ist u. a. Initiator der „Klimainitiative Münster“, gab mehrere Jahre den Newsletter „KlimaInfo Münster“ heraus und ist heute Organisator der „Klimagespräche“. (Foto: Stadt Münster)

Im Kern drehte sich die spannende Diskussion um die Stadtwerke Münster, für die gleich eine ganze Reihe von Mitarbeitern an der Diskussion teilnahmen. Doch nach der Einführung durch Professor Dr. Tillmann Buttschardt, der zum Organisatorenkreis der Klimagespräche gehört, bekam zunächst Professor Dr. Andreas Löschel das Wort. Er stellte fest, dass – Buttschardt hatte zu Beginn eine Umfrage unter den Teilnehmer*innen gemacht – dass die Fragestellung durchaus strittig beantwortet würde. Sein Anliegen sei es zu zeigen, dass die Klimakompensationszahlungen durchaus ein wirkungsvolles Instrument seien. Dabei unterstrich Löschel: „Deutschland als Industrieland könne mehr leisten.“ Dies gelte sowohl für die aktive Vermeidung von CO₂, aber auch für die Kompensation durch Zahlungen. „Wir schaffen es nicht allein und müssen Entwicklungs- und Schwellenländer strukturell einbinden.“ Zudem seine diese Transferzahlungen für diese Länder von großer Bedeutung: „Wir müssen Geld für Entwicklungsländer bekommen, damit auch dort Klimaschutz betrieben werden kann. Es fördert zudem dort die Wirtschaft, das Soziale und den Umweltschutz im Allgemeinen.“

2030 nur noch Elektro-Busse in Münster

Stadtwerke-Geschäftsführer Sebastian Jurczyk setzte gleich zu Beginn bemerkenswerte Pflöcke: „Die Stadtwerke Münster wollen Vorreiter in Sachen eigener CO²-Neutralität werden.“ So sollen bis 2030 alle Busse der städtischen Tochter elektrisch fahren. Auch bei der Energieerzeugung wollen die Stadtwerke voranschreiten. Dies gelte für die lokale Erzeugung von „grünem Strom“ und auch bei der Wärmeversorgung.

Jurczyk: „40 Prozent des CO₂ entsteht bei uns durch Wärme. Bis 2040 wollen wir die Wärmeerzeugung in Münster CO₂-neutral erzeugen können.“ Dazu brauche es heute aber auch Kompensationszahlungen durch den städtischen Betrieb, um so die Umstellung schon jetzt klimagerecht zu erreichen. So hätten die Stadtwerke bereits 2019 sämtliche ihrer Emissionen aus Strom- und Wärmeverbrauch sowie Mobilität neutral gestellt. Seit vergangenem Jahr bieten die Stadtwerke zudem auch ihren Kund*innen an, deren individuellen CO₂-Fußabdruck zu neutralisieren. Dabei helfen soll die Aktion „KlimaMischpoke“ der Stadt Münster sowie das Kompensationsangebot der Stadtwerke für Kund*innen. Die Kompensation habe Jurczyk niemals als Ablasshandel gesehen: „Sie hat zwar einen schlechten Ruf, aber man könne viel damit tun. Es ist ein wirklich richtiger Schritt.“

Private CO₂-Kompensation mit dem Stadtwerke-Angebot steckt noch in den Kinderschuhen

Bis 2030 sollen alle Busse der Stadtwerke Münster elektrisch betrieben werden. (Foto: Werner Szybalski)

Auf die Frage von Teilnehmer Michael Tillmann: „Die Stadtwerke bieten diese private CO₂-Kompensation an. Warum wird es nicht stark beworben?“, räumte Jurczyk ein: „Es war eigentlich unser Anspruch, dann kam aber Corona.“ Auf die ergänzende Frage von Marvin Gleue (?), warum die Kompensationszahlungen so gering seinen?, erläuterte der zuständige Mitarbeiter der Stadtwerke, Benjamin Heußler: „Wir wollen nichts damit verdienen, schlagen also keine Marge auf.“ Er versicherte, dass qualitativ das Produkt in Ordnung sei.

Moderator Tillmann Buschert warf ein, dass die Infrastruktur in Münster, in Deutschland oder in Mitteleuropa es einfach schon verhindere, hier klimaneutral leben zu können. Dies griff Andreas Löschel auf, um zu ergänzen: „Wir brauchen zudem auch finanzielle Mittel für die nicht industriellen Länder. Gerade für regional transformative Projekt braucht es mehr Geld. Wir sollten es also ein bisschen wie Crowdfounding sehen.“ Dirk Blasberg, ebenfalls von den Stadtwerken Münster, schloss sich an, weil dies ein Ziel ihrer Kompensationsprojekte sei: „Sensibilisieren und Möglichkeiten für Münsteraner*innen bieten. Wir stehen zu 100 Prozent hinter den von uns ausgewählten Projekten.“

Klimaschutz bedeutet verzichten – mir fehlt diese Message in dieser Deutlichkeit aus der Politik. Sei es vegan essen oder verstellter Blick von den Aaseekugel etc . . .

Benjamin Heußler

Auf die Frage von Wilfried Denz, Sachkundiger Einwohner im Ausschuss für Umweltschutz, Klimaschutz und Bauwesen der Stadt, ob es nicht möglich sei, hier direkt in Münster wirkliche Klimaneutralität zu erreichen, antwortete Sebastian Jurczyk: „Das ist unser Ziel, aber im Moment ist er nicht erreichbar. Natürlich wäre nur die Kompensation allein zu wenig. Deshalb werden wir zum Beispiel ab 2024 für Privatkund*innen nur noch Stromtarife für grünen Strom anbieten.“

Professor Dr. Andreas Löschel von der WWU Münster. (Screenshot aus dem Klimagespräch)

Kajo Schukalla von der Gesellschaft für bedrohte Völker – Regionalgruppe Münster lenkte das Klimagespräch auf die drei von den Stadtwerken angebotenen Kompensationsprodukte. Dabei kritisierte es insbesondere das Klimaschutzprojekt Kochöfen-Projekt in Kenia. „Die Kochergeschichte ist schon lange Thema – auch völlig ohne Klimaschutz als Antrieb. Aus meiner Sicht funktioniert es nicht, wenn die sozialen Zusammenhänge nicht berücksichtigt werden. Ein Beispiel: Viele beginnen erst mit dem Kochen, wenn die Sonne schon untergegangen ist.“

„Das ist natürlich richtig. Es ist eben ein Projekt, das man sowieso machen sollte – unabhängig vom Klimaschutz“, verwies Professor Dr. Andreas Löschel darauf, dass auch soziale oder emanzipatorische Projekte mit Kompensationsgeldern gefördert werden sollten. Dies auch deshalb, da sie fast immer auch positive ökologische Faktoren hätten.

Es entwickelte sich eine längere Diskussion mit vielen Nachfragen, die sich um unmittelbaren Klimaschutz – zum Beispiel durch Verzicht – sowie die Möglichkeiten auch regionale Projekte durch Kompensationszahlungen zu ermöglichen oder zu stärken. Löschel betonte, dass die „Zusätzlichkeit bei den Projekten wichtig ist!“ und dass diese Gelder unbedingt zum Finanztransfer genutzt werden müssten, was aber nicht grundsätzlich gegen regionale Projekte hier sprechen würde.

Das nächste Klimagespräch soll mit dem Thema Klimakommunikaton am 7. Oktober stattfinden. Den Teilnehmer*innen wurde als Lektüre die neue Broschüre Klimaneutralität des Rates für nachhaltige Entwicklung und der Leopoldina empfohlen.

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