Gedanken . . .

. . . auf dem Weg Journalistin zu werden – ein Gedicht

Die 23-jährige Studentin Carolin Wedel, die aud dem Weg war Journalistin zu werden, veröffentlichte im Oktober 1998 in mediativ 5, der Zeitschrift für Publizistik und Kommunikation des gleichnamigen Instituts an der Universität Münster folgendes Gedicht:

Der gefaltete globus

wenn ich dein papier berühre

das holz von uralten bäumen spüre

knisternd schlage seite um seite

welche nähe welche weite

liegt vor mir auf meinem schoß

die weit so klein die welt so groß

wie ich begeistert deine seiten verschlinge

es ist als ob die zeit nicht verginge

deine aktualität mit der feinen nase riechen

mit kritischem blick zwischen die zeilen kriechen

mit den fingern harte fakten fühlen

sich tiefer in den sessel wühlen

krisenstimmung im sudan

der regierung neuer steuerplan

kohl in der heißen wahlkampfphase

wieso spricht gerade schröder von wirtschaftsoase

was wird der nächste parteitag bringen

wer sind die die um aufmerksamkeit ringen

hier liegt sie die welt schwarz auf weiß

getränkt von machinenöl und schweiß

auf dreizig seiten gekürzt und durchdacht

per computer und setzmaschine in form gebracht

in meinem kopf wirst du mühseliges produkt

zu meinem eigenen wirklichkeitskonstrukt

reporter in der mongolei

fotografen in der regierungskanzlei

und ich kann teilhaben

meine nase im ganzen globus vergraben

schnittstellen der berichterstattung zusammenfügen

wenn ich will mich selber belügen

was ist dies für eine sonderbare welt

durch lettern und grautöne zum verstehen erstellt

eine welt durch register reduziert

die keinen menschen je irritiert

nur ich und du im sessel allein

kann denn das die wirklichkeit sein

Carolin Wedel

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