• Mi. Okt 27th, 2021

Dr. Millay Hyatt spricht bei ODAK über „kritisch Weißsein“

Vergangene Woche begann der May Ayim Ring die Veranstaltungsreihe „BLACK LIVES MATTER – auch in Münster?“. Am Donnerstag (30. September) war die Berlinerin Dr. Millay Hyatt bei ODAK zu Gast. Die Philosophin, Journalistin und Übersetzerin trug ihr Essay „Weißsein als Privileg“ vor und diskutierte anschließend mit den Teilnehmer*innen.

An drei Beispielen machte Hyatt zu Beginn ihres Vortrages deutlich, dass rassistisches Handeln häufig von „Weißen Menschen“, selbst wenn diese sich für antirassistisch halten, kaum als rassistisch wahrgenommen würden. Sie präsentierte ein Plakat des „Kinderhilfswerk Plan International“, auf dem mit dem Foto eines Schwarzen Mädchens zur Übernahme einer Patenschaft geworben wurde. Dann zeigte sie die gleiche Werbebotschaft mit dem Bild eines blondes Weißes Mädchen. Sofort wurde allen Anwesenden klar, wie selbstverständlich Weiße Menschen Schwarze Kinder mit arm oder hilfsbedürftig gleichsetzen und damit eine unterschwellige rassistische Einstellung zeigen.

„Die kritische Weißseinsforschung will die Weißen darauf aufmerksam machen, dass sie nicht einfach »Menschen« sind, sondern weiße Menschen. Das heißt, sie sind nicht ausgenommen von der gesellschaftlichen Bestimmung durch ethnische Merkmale. Diese Bestimmung verschafft ihnen eine Sonderrolle. Dies zu leugnen, heißt, jene rassistischen Hierarchien fortzuschreiben, die sie für überholt annehmen“, verdeutlichte Dr. Millay Hyatt.

Weißsein ist „normal und selbstverständlich“

Der geschilderte und die beiden anderen Fälle beruhten, so Hyatt, auf der gleichen Denkfigur. Diese sei für viele von uns (Weißen Menschen) schwer zu fassen. Aus einer bestimmten Perspektive seien sie sogar so gut wie unsichtbar – konturlos, farblos. Dabei wären sie überall präsent und abgebildet in unserem Land: im Fernsehen, in den Medien, der Werbung, am Lehrerpult, im Bundestag. Die Mehrheit nimmt sie aber nicht wahr, weil sie sich selbst in diesen Bildern sieht, oder eben nicht sieht. Einfach, weil die Figur des Weißen für die Betrachter*innen so „normal und selbstverständlich“ sei.

Dr. Millay Hyatt sprach beim May Ayim Ring über kritische Weißseinsforschung. (Foto: Szybalski)

Hyatt erläuterte die theoretischen Hintergründe der teilweise umstittenenen kritischen Weißseinsforschung und verdeutlichte die lange Geschichte dieser politischen und wissenschaftlichen Diskussion. Im Kern geht es darum, dass Weißsein der unsichtbarer Maßstab sei und das Nicht-Weiße Menschen als Abweichung von der Norm und damit als minderwertig abgestuft würden. Dies passiere, so die Referentin, oft auf einer unbewussten Ebene und in der Rede oder in den Texten von Menschen, die sich selbst als nicht rassistisch oder gar als anti-rassistisch begreifen.

„Unbewusste Klischees sind gefährlicher als offene Anfeindung!“

Dr. Millay Hyatt

Es ginge in der kritischen Weißseinsforschung darum, solche Denkmuster zu benennen und kritisch zu reflektieren. Sie setze dort an, wo die meisten Weißen denken, mit der Verurteilung von offenem Rassismus sei genug getan. Rassistische Gewalt, so die Überzeugung der Weißseinsforschung, sei bloß die Spitze des Eisbergs einer noch längst nicht überwundenen Ideologie, die das Denken, Fühlen und Handeln auch der liberalsten Menschen strukturiert und eine Gesellschaft aufrechterhält, in der Macht und Geltung keineswegs gerecht verteilt werden.

Verweis auf ethnische Merkmale vermeiden

In Deutschland würde jede Identitätskonstruktion aufgrund ethnischer Charakteristiken schnell als rassistisch verurteilt. Auch in der antirassistischen oder antifaschistischen Bewegung. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen von Migranten oder Flüchtlingen gegenüber Einheimischen oder die der Herrschenden gegenüber den Ausgebeuteten würden zwar thematisiert, aber der Verweis auf ethnische Merkmale, auch wenn sie in der benachteiligten beziehungsweise privilegierten Gruppe überproportional vertreten seien, würde bewusst und aus politischer Überzeugung vermieden. Dies, so argumentierte Dr. Millay Hyatt, entstünde aus rassistischer Motivation und würde den Rassismus weiter am Leben halten.

Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland vermeide vor allem die Benennung einer rassischen Kategorie und zwar die Kategorie des Weißen. Es wird aber immer wieder darauf hingewiesen, dass jemand nicht-weiß ist. Allerdings meist durch die Blume: Es gibt den berühmten „Migrationshintergrund“. Oder jemand ist „Afrikaner“ oder „Türke“. Dies auch wenn der oder die, der oder die diese Aussage trifft, gar nicht wisse, welche Staatsbürgerschaft die Person tatsächlich besitze oder welcher Kultur diese sich zugehörig fühle.

Weiße müssen ihre priviligierte Position wahrnehmen

Die Position, die die kritische Weißseinsforschung bezieht, entstand aus den Erfahrungen von Nicht-Weißen. Sie erlebten in unserer Gesellschaft täglich, dass ihnen nur aufgrund bestimmter äußerlicher Merkmale Eigenschaften zugeschrieben oder abgesprochen werden. Im Unterschied zu Weißen würden sie zudem als Repräsentanten einer ethnischen Gruppe wahrgenommen.

Dem Vortrag von Dr. Millay Hyatt schloss sich eine lebhafte Diskussion mit den Zuhörer*innen an.

Sprache im Zentrum der anschließenden Diskussion

„Für viele Weiße dürfte die erste Konfrontation mit dieser Kritik irritierend sein“, erklärte Dr. Millay Hyatt. Es sei die gleiche Ängstlichkeit und Verunsicherung, die bei Weißen ausgelöst wird, wenn sich „mal wieder“ das Wort geändert hat, mit dem man eine bestimmte Menschen-Gruppe benennen soll. Wie heißt es jetzt richtig, Afrodeutsche oder Schwarze Deutsche? Man darf jetzt nicht mehr Z**** sagen? Der Reflex, der sich gegen solche Sprachregelungen sträubt oder auch als Reaktion darauf nur verlegen verstummt, ist im Kern die Irritation, die entsteht, wenn eigene Privilegien überdacht werden müssten.

In der mehr als einstündigen lebhaften und interessanten Diskussion standen Bildung und insbesondere die Sprache im Zentrum. Dr. Millay Hyatt erklärte zur Verwendung von diskriminierenden Beziechnungen: „Weiße nutzen das Privileg, andere Menschen so zu benennen, wie man es schon immer getan hat und unabhängig davon, wie diese Namen zustande kamen und wie diese Menschen sich selbst nennen oder benannt werden wollen.“

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