Kulturliste Münster ermöglicht für kostenfreie kulturelle Teilhabe
Eintrittskarten für Sport- oder Kulturevents können sich viele Menschen in Münster nicht wirklich leisten. Der Erwerb von Tickets für den Volleyball-Bundesligisten USC Münster, die Städtischen Bühnen oder den Allwetterzoo fällt häufig anderen Ausgaben des täglichen Bedarfs zum Opfer. Diese prekäre Situation der rund 30.000 Inhaber*innen des Münster-Passes wollen Annette Georgi, Hubert Bergmoser und Hermann Koopmann – die drei Münsteraner*innen bilden den Vorstand der von ihnen gegründeten „Kulturliste Münster“ – etwas entschärfen. Dank der ehrenamtlichen Arbeit der 30 Mitarbeiter*innen der Kulturliste können auch weniger Begüterte in Münster kräftig mitfiebern, mitfühlen und gegebenenfalls mitfeiern.
„Im September 2022 habe ich einen WDR-Beitrag über die Kulturliste Düsseldorf gesehen“, erzählte Hubert Bergmoser, Bildender Künstler, im Gespräch mit der Sperre, dass er sofort begeistert von der Idee war, Menschen mit geringem Budget kostenfreien Zugang zu Kultur, Sport und Unterhaltung zu ermöglichen. Bergmoser recherchierte und stellte fest, dass es damals rund 30 Kulturlisten-Vereine in Deutschland gab und dass aber ein solches Angebot in Münster nicht existierte: „Die anderen machten es schon teilweise seit über zehn Jahren. Da habe ich mir von ihnen die Blaupause geholt und habe Freunde und Bekannte wie Annette Georgi angesprochen, um die Kulturliste Münster auf die Beine zu stellen. 2023 konnten wir mit rund 30 Mitgliedern den Verein gründen.“
Erster Aufschlag erfolgte beim Turnier der Sieger
Nach der Vereinsgründung mussten die Vereinsmitglieder „Klinken putzen“, so Vorstandsmitglied Hermann Koopmann, um von Veranstaltern kostenpflichtige Eintrittskarten kostenfrei zur Verfügung gestellt zu bekommen. Der Eisbrecher war 2023 der Westfälische Reiterverein, Veranstalter des sommerlichen Turniers der Sieger vor dem Schloss in Münster.
Inzwischen gibt es zahlreiche Veranstalter, die der Kulturliste Eintrittskarten zur Verfügung stellen. „100 Tickets auf einmal haben wir vom Zirkus Knie bekommen“, erzählte Bergmoser und Georgi ergänzte: „Es freut uns immer besonders, wenn wir Kinder oder sogar gleich die ganze Familie für einen Event mit kostenfreien Eintrittskarten ausstatten können.“ Wie hoch inzwischen die Nachfrage ist, verdeutlicht die Kulturgästeliste – Ende 2024 umfasste diese 700 Erwachsene sowie 300 Kinder und Jugendliche.
Kreis der Kulturpartner wächst beständig weiter
Neben den schon erwähnten Kulturpartnern gehören auch der SC Preußen Münster, das Boulevard Münster, die Uni Baskets, das Wolfgang-Borchert-Theater, das Pumpenhaus, das Cineplex, der Kleine Bühnenboden, das GOP Varieté-Theater, Cinema & Kurbelkiste, das Bennohaus, der Unichor sowie das Schloßtheater Münster dazu. Inzwischen ist auch der Allwetterzoo Kulturpartner der Kulturliste. Weitere sind auf der Vereinswebseite (www.kulturliste-muenster.de) zu finden.
„Kulturpartner können alle Institutionen werden, die kostenpflichtige Veranstaltungen anbieten. Karten für kostenfreie Veranstaltungen geben wir nicht weiter“, verdeutlichte Annette Georgi, dass die Nachfrage groß ist und mit zunehmender Bekanntheit der Kulturliste sicherlich auch noch wachsen dürfte. „Wir haben in allen Bereichen Luft nach oben – da ist noch einiges mehr drin“, so Hermann Koopmann.
Mindestens zwei Karten stellen die Partner der Kiste für die Kulturgäste für jede Veranstaltung zur Verfügung. „Niemand soll alleine hingehen müssen“, erklärte Annette Georgi, dass die Begleitung eines Kulturgastes nicht die sozialen Voraussetzungen wie der Kulturgast erfüllen muss: „Da kann einfach jeder mitkommen“, so Georgi, die zudem betonte: „Gibt es mehrere Kontingente für eine Veranstaltung, sitzen die Kulturgäste nicht zusammen, sondern sind grundsätzlich über den gesamten Publikumsbereich verteilt.“
Rund zwei Wochen Vorlauf benötigt die Kulturliste. Nachdem das Kartenkontingent vom Kulturpartner gemeldet wurde, organisiert das „Vermittlungsteam“ die Kartenweitergabe an die für das Interessensgebiet registrierten Kulturgäste. Die Auswahl erfolgt durch eine Software. Rechtzeitig vor der Veranstaltung erhält der Kulturpartner dann die Namensliste der Kulturgäste, die sich am Veranstaltungstag beim Einlass mit Hinweis auf die Gästeliste melden und ihre Tickets entgegennehmen können.
Kulturgast werden ist ganz einfach
Menschen aus Münster mit geringem Einkommen können relativ einfach Kulturgast werden. Sie müssen sich entweder selbst online mit Nachweis (zum Beispiel durch Münster-Pass, Bescheid zu ALG II, Bürgergeld-Bescheid für Kinder, Lohnabrechnung, Einkommensteuerbescheid vom Finanzamt, Bafög-Bescheid, Rentenbescheid, BAB-Bescheid oder Berechtigung für Münster-Tafel) anmelden oder zu einem Sozialpartner der Kulturliste gehen. Dazu gehören viele soziale Einrichtungen in der Stadt. Unter anderem die Arbeiterwohlfahrt, die Bischof-Hermann-Stiftung, die Caritas, das Deutsches Rotes Kreuz oder die Diakonie. Sie können Interessierte direkt auf die Kulturgästeliste setzen lassen.
16 Kategorien stehen den Kulturgästen zur Auswahl. Diese reichen von Ausstellungen, Museen über Kabarett und Comedy, über Kino, Theater, Sport bis Zirkus. Da dürfte für alle etwas dabei sein. Infos zum Verein gibt es online und natürlich per Email.
Preußenstadion ist derzeit immer voll
Spenden in Geldform sind für den Verein Kulturliste Münster genauso wichtig wie die gespendeten Eintrittskarten. „Tatsächlich benötigen wir für die Organisation und Verwaltung auch Finanzmittel, um das Angebot aufrecht zu erhalten und möglichst sogar auszubauen“, unterstreicht Hermann Koopmann, dass die Spendenbereitschaft der Münsteraner*innen aber durchaus vorhanden sei.
Die begehrtesten Tickets bei den Kulturgästen seinen Eintrittskarten für das Picasso-Museum und auch die GOP-Tickets kämen sehr gut an. Nachgefragt würden auch immer Karten für den Fußball-Zweitligisten Preußen Münster. Doch die seien derzeit praktisch nicht zu bekommen. „Da ist wohl immer volles Haus“, vermutet Koopmann. Trotzdem hofft der Vorstand der Kulturliste, dass Münster in der 2. Bundesliga bleibt – bestimmt gäbe es dann auch mal wieder Tickets für Kulturgäste.
Dieser Artikel von Werner Szybalski erschien gedruckt in der Frühjahrsausgabe 2025 der Sperre.
Unter Rassismus leiden in Deutschland alle Menschen, die nicht weiß sind. Selbst prominenten BiPoC erfuhren und erfahren immer wieder diskriminierende Situationen und werden verbal und nonverbal attackiert. Um zu erfahren, wie es gesellschaftlich erfolgreichen Menschen gelang, mit dieser Ausgrenzung (und Abwertung) zu leben, wie sie es trotz dieser prekären Lebenssituation geschafft haben, sich in der weißen Gesellschaft in Deutschland durchzusetzen und welche Strategien und Maßnahmen sie ergriffen haben, um trotz der diskriminierenden Rahmenbedingungen erfolgreich zu sein, hat der May Ayim Ring Münster den erfolgreichen Trainer und früheren Deutschen Fußballmeister (2002 mit dem BVB) Otto Addo eingeladen. Er wird am Mittwoch, dem 27. Oktober, um 19 Uhr im Tribünengebäude des SC Preußen Münster zu Gast sein.
Christoph Strässer, ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung und Präsident des SC Preußen Münster, wird Otto Addo im Preußen-Stadion begrüßen und zur Situation Schwarzer und BiPoC beim SCP (Verein und Fangemeinde) sprechen. (Foto: SC Preußen Münster)
Otto Addo, erst vor wenigen Wochen zum Co-Trainer der Nationalmannschaft von Ghana ernannt, ist Top-Talente-Trainer von Borussia Dortmund. Er feierte Mitte Mai diesen Jahres als Co-Trainer von Interimscoach Edin Terzic mit dem BVB den Gewinn des DFB-Pokals.
„Ich war das auch im Fußball gewohnt, beleidigt zu werden. Das war für mich leider normal. In der Hälfte der Spiele ist das passiert, in der anderen nicht. Für mich war es das Größte, wenn ich trotzdem als Sieger vom Platz ging. Das war für mich das Beste.“
Otto Addo über rassistische Beleidigungen im Fußball
Otto Addo ist Top-Talente-Trainer bei Borussia Dortmund und Co-Trainer der Nationalmannschaft von Ghana. (Foto: BVB)
Wie May Ayim ist auch Otto Addo in Hamburg geboren. Auch seine Mutter ist Hamburgerin und sein Vater, wie der von May Ayim, ein aus Ghana stammender Mediziner. Mit sechs Jahren begann Addo beim örtlichen Club Hummelsbütteler SV Fußball zu spielen. Die Konzentration auf den Sport wurde dem Jungen schwer gemacht, denn sowohl auf dem Fußballplatz als auch in der Schule. „Meine Schwester und ich waren die einzigen Schwarzen auf der ganzen Schule. Ich musste mich erstmal beweisen, egal, wo ich hinkam – in der ersten Klasse, der Vierten, der Gymnasialstufe“, erklärte Otto Addo im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. Er wurde Otto Addo – wegen seiner Hautfarbe – immer wieder diskriminiert und rassistisch beleidigt. Trotzdem kämpfte er sich durch und erklomm mit dem BVB als Spieler und als Mitglied des Trainerteams die höchsten deutschen Fußballgipfel.
„N*** raus!“
Otto Addo machte im Fußball Karriere. Als er 1997 in der 2. Liga mit Hannover 96 – gemeinsam mit Gerald Asamoah im Team – bei Energie Cottbus antrat, erlebte Addo und der Profifußball in Deutschland einen seiner Tiefpunkte. Im Gespräch mit dem Fußball-Magazin 11 Freunde erinnerte sich Addo an dieses Spiel: „Außerhalb des Sports gab es noch schlimmere Sachen, aber was den Fußball angeht, war es das, ja. Weil das Stadion damals mit 20.000 Zuschauern voll war, und auf einmal schreien die Fans zwei, drei Minuten lang: »N*** raus!« Ich hab’ gedacht, ich bin im falschen Film. Auch die Gegenspieler haben mich und Gerald Asamoah beleidigt, wollten uns provozieren.“
Ghana statt Deutschland
Die Laufbahn von Otto Addo wurde ebenfalls durch Rassismus beeinflusst, wie er 11 Freunde erklärte: „Als Anfang der 90er die Gewalttaten im Osten gegen Ausländer zunahmen, wäre ich da nicht hingewechselt. Dass ich mich damals für die ghanaische Nationalmannschaft entschieden habe, hängt auch mit negativen Erfahrungen zusammen. Ich finde allerdings sehr gut, dass Gerald Asamoah für Deutschland spielt. Das muss jeder für sich entscheiden.“
Rassismus im Sport spiegelt die Einstellung der Gesellschaft
Addo erlebt Rassismus noch immer. So erzählte er dem Fußball-Magazin, dass er wegen seiner Hautfarbe diskriminiert würde. Erst, wenn er als prominenter Sportler erkannt würde, täte es den Täter*innen Leid: „Zum Beispiel die Polizei: Wenn die sehen, dass ein dunkelhäutiger Mensch einen teuren Wagen fährt, dann drehen die auf der Straße um und halten dich an. Manchmal passiert das drei Mal am Tag. Und dann fordern sie in einem ernsten Ton Ausweispapiere von mir und allen Insassen. Einmal mussten wir sogar aussteigen und uns durchsuchen lassen. Wenn sie dann meinen Namen lesen, werden die Stimmlagen gleich freundlicher, zumindest wenn sie Ahnung vom Fußball haben und mich erkennen. So was ist mir überall passiert, in Hamburg, Hannover, Dortmund. Es kommt heute auch noch vor, dass mich Dortmund-Fans in gebrochenem Englisch ansprechen.“
Anmeldung per Email
Das Gespräch und Diskussion mit Otto Addo zum Thema „Rassismuserfahrung von Spitzensportlern“ beginnt um 19 Uhr im VIP-Saal 1 des Preußen-Stadions. Beim Zutritt zur Veranstaltung gilt die 3G-Regel (geimpft, genesen oder getestet). Deshalb wird um eine vorherige Anmeldung per Email (addo@may-ayim-ring.org) wird gebeten.
Peter Römer referiert im Preußen-Stadion über Rassismus und Antisemitismus als Bestandteil der Fankultur
„Sport und Politik sind enger miteinander verbunden als allgemein angenommen. So haben sportliche Veranstaltungen immer auch eine symbolische und politische Bedeutung. Ein Ereignis der besonderen Art war der Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft über das legendäre ungarische Team 1954 im Finale der Weltmeisterschaft“, schrieb 2004 die Bundeszentrale für politische Bildung in der Beilage der Wochenzeitschrift „Das Parlament“. Dieses „Wunder von Bern“ ist auch für den Altenberger WM-Experten Dietrich Schulze-Marmeling ein herausragendes Ergebnis: „Bei einer WM hat es allerdings erst einmal einen richtigen Überraschungssieger gegeben: Westdeutschland 1954“, erklärte er 2006 im Gespräch mit der Zeitung „ak – analyse & kritik“. Jüngst machte das Begehren der Stadt München, beim Spiel der Nationalmannschaften von Deutschland und Ungarn das Stadion in Regenbogenfarben leuchten zu lassen, Schlagzeilen. Hintergrund zu dieser durch die UEFA verhinderten Protestaktion der Fraktionen des Rates der Stadt München war ein vom ungarischen Ministerpräsident Viktor Orban initiiertes Gesetz, das die Informationsrechte von Jugendlichen bezüglich Homosexualität und Transsexualität eingeschränkt.
Edo Schmidt, Leiter des sozialpädagogischen Fanprojekts „Fanport Münster“, begrüßte im Preußen-Stadion den Referenten Peter Römer und die Zuhörer*innen. (Fotos: Werner Szybalski)
Fußball ist für Fans ein Spiel „gut gegen böse“
Rassismus und Antisemitismus seien leider Bestandteil der Fankultur – in ihrer fankulturellen Funktion und Verwendungsweise dabei aber durchaus unterschiedlich. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten bliebe Rassismus und Antisemitismus in heutigen Fankurven nicht unwidersprochen. Doch dachte man einige Jahre, dass die Ultra-Bewegung den Einfluss des rechten Flügels der als überaltert geltenden Hooligan-Kultur zurückdrängen würde, treffen in deutschen Fankurven inzwischen Gegensätze aufeinander. Relativ neu, so die Vorankündigung zum jüngsten Themenabend im Preußen-Stadion des Veranstalters Fanport Münster, sei dabei das öffentlichkeitswirksame Sendungsbewusstsein von rechten Hooligans. Sonst würden diese Wert auf konspirative Strukturen legen. Inzwischen träten sie aber ebenso selbstverständlich bei politischen Demonstrationen auf wie in und um die Stadien. Nicht zuletzt käme ihnen eine bedeutende Rolle im Zuge der „Querdenken“-Proteste zu.
Diese Entwicklung sollte analysiert und eingeordnet werden. „Denn was fankulturell passiert, hat eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung“, betonte Gastgeber Edo Schmidt, Leiter des sozialpädagogischen Fanprojekts Fanport Münster, in der kurzen Begrüßung des Referenten Peter Römer und der Zuhörer*innen in seinem „Wohnzimmer“, dem Block L im Preußen-Stadion.
DFB hofierte in Argentinien dem Nazi und früheren Wehrmachtoberst Rudel
Der Historiker Peter Römer, ein gebürtiger Hamburger, ehemaliger aktiver Fan des FC St. Pauli und seit 17 Jahren in Münster lebend, nahm die Zuhörer*innen mit auf eine kleine Reise durch die bundesrepublikanische Geschichte der Nationalmannschaft. Römer erinnert an das Wiedererstarken des nationalen Bewusstseins nach dem deutschen WM-Sieg in Bern, kam aber schon mit der ersten Folie auf die dunkele Seite zu sprechen. Bei der WM 1978 in Argentinien, das südamerikanische Land wurde damals seit wenigen Jahren von einer Militärjunta beherrscht, empfing die DFB-Delegation unter Leitung des Verbandspräsidenten Hermann Neuberger schon kurz nach ihrer Ankunft im Quartier in Ascochinga den früheren Wehrmachtoberst Hans-Ulrich Rudel. „Rudel, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika abgesetzt hatte und dort in einem Netzwerk alte Nazis um sich geschart hatte, die immer noch von der deutschen Weltmacht träumten und die die lateinamerikanischen Generäle darin berieten, wie man politische Gegner ausschaltet“, berichtet der Spiegel, der auch darauf verwies, dass „gleichzeitig die deutsche Studentin Elisabeth Käsemann in einem Folterkeller der Junta saß, war der DFB-Spitze durchaus bekannt. Man sagte nichts, man unternahm nichts, Käsemann wurde von den Militärs umgebracht. Erst als sie tot war, erfuhr die Mannschaft davon.“
Römer verdeutlichte, dass Fußball und insbesondere die Fankultur „sich Abgrenzung definiere. Gut gegen böse“, was auch die Abwertung des Gegners beinhalte. Diese Grundstruktur sei fester Bestandteil der Fußballkultur. Fangruppen seien grundsätzlich unpolitisch gewesen, was nicht bedeutet (siehe oben) das Fußball unpolitisch gewesen sei. Nach den ersten Bundesligaskandalen und bis zur Durchkommerzialisierung des Fußballs waren die Stadien selten ausverkauft. Die Fangruppen hatten in den 80ern Platz im Stadien und zeugten sich in nicht kleinen Teilen empfänglich für stramme Organisation und abgrenzende, abwertende politische Argumentationen. Die gewaltbereite Hooliganszene, die eine dritte gewaltsame Halbzeit kultivierten, wuchs. Als die Rechten Anfang der 90er Jahre offen begannen, Migrant*innen zu jagen und sogar töteten (Rostock, Mölln, Solingen), hatten die Rechten schon einige Stadien unterwandert. Der erste große politische Akt der rechten Fußballfans ereignete sich während der Europameisterschaft 1988 – der Angriff auf die Häuser in der Hamburger Hafenstraße.
Die Tageszeitung (taz) schrieb zum nächtlichen Überfall: „Nach dem Halbfinalspiel zwischen der BRD und Holland [im Volksparkstadion] haben sogenannte Hooligans in Hamburg-St. Pauli schwere Auseinandersetzungen provoziert. Anfänglich unbehindert, stürmten in der Nacht zu Mittwoch mehr als 200 militante Fußballfans zu den ehemals besetzten Häusern in der Hafenstraße. Schon im Vorfeld der EM gab es Anzeichen für einen solchen Überfall, während des Spiels wurden im Stadion Flugblätter verteilt, die zum Sturm auf die bunten Häuser am Hafenrand aufforderten.“
Hooligan-Angriff auf die Hafenstraße – Weckruf für die Linke?
Das Antifa-Infoblatt veröffentlichte, wer für den Angriff verantwortlich war und welche Konsequenzen die Linken und Antifaschisten ziehen sollten: „Als nächstes ging es den Neonazi-Hooligans der »Borussenfront«, der »Endsieg Hertha Berlin« und aus dem HSV (Hamburg) usw. darum in der Hamburger Hafenstraße zu zeigen »wer die Herren der Straße sind«. Die einschlägigen Fußballfans sollten über, die mehr oder weniger übliche, Randale unter Fans hinaus, gegen linke Hausbesetzer*innen mobilisiert werden. Nachdem schon eine Woche vorher in verschiedenen Stadien Aufrufe dafür verteilt worden waren und das Ganze auch noch in einem vom »Stern« gemachten Interview bekannt geworden war, schafften es die Neonazis etwa 200 rechte Hooligans zu mobilisieren.
Größtenteils unbehelligt von der Hamburger Polizei, die 2500 Beamte eingesetzt hatte, zogen rechte Hooligans und Neonazis kurz vor Schluss des Halbfinales am Abend des 21. Juni 1988 nach Hamburg St. Pauli. Mit »Rotfront verrecke« Rufen zogen sie durch die Straßen, bis sie an der Hafenstraße von AntifaschistInnen gestoppt wurden. Unterstützer*innen und Bewohner*innen hatten die Drohungen ernst genommen und sich entsprechend vorbereitet. Drei Mal versuchten Neonazis und Hooligans zu stürmen, wurden aber mit massiver Gegenwehr gestoppt und verjagt. Ohne die entschlossene Selbstverteidigung der Hafenstraßen Bewohner*innen und den Unterstützer*innen wäre der Überfall auf die Häuser geglückt.
Der Einfluss der Neonazis auf die Hooligan Szene wäre bei einem erfolgreichen Angriff gestärkt worden. Wie auch immer, die Neonazis führten die Fans in eine, für viele schmerzhafte Niederlage, obwohl sie von der Hamburger Polizei schon bis an die Häuser durchgelassen worden sind. Das Signal scheint nunmehr auf ein Kräftemessen mit der Hafenstraße zu stehen. Dort ist jetzt fast jeden Samstag Alarmzustand, weil wieder irgendeine Hooligangruppe zeigen will, dass sie es schafft. Nach dem Spiel Hamburger SV gegen Bayern München am 20. August konnten 120 Hooligans von der Polizei auf dem Weg zum Hafen abgefangen werden. Doch nach der Fußball-EM gibt sich Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) zufrieden: Chaoten bleiben eine Minderheit, 22.000 eingesetzte Polizisten und 1200 Festnahmen lautet die offizielle Bilanz. Für die Regierungsparteien ist »Fußballrandale“, denn vom Einfluß der Neonazis dabei wird nicht geredet, ein sicherheitstechnisches Problem.
AntifaschistInnen und die Linke setzen dem Einfluss von Neonazis in den Stadien wenig bis gar nichts entgegen. Wir denken, dass das ein Fehler ist und wollen in dieser Ausgabe eine Auseinandersetzung über dieses Thema anfangen.“
DFB reagiert mit Trikotaktion
Peter Römer berichtete in seinem Vortrag, dass der offizielle Fußball auf die offene Rechtslastigkeit vieler Fußballfans reagierte. „Die damals weit verbreitete Kuttenkultur auf den Rängen war von Sexismus und Rassismus geprägt“, so Römer. Am Abschlussspieltag der Saison 1992 / 1993 liefen deshalb die Profiteams in der Bundesliga mit dem Trikotaufdruck „Mein Freund ist Ausländer“ auf. Doch wirklich sensibel waren die DFB-Offiziellen noch nicht geworden, denn für den 20. April 1994 – dem Geburtstag Adolf Hitlers – planten sie ein Spiel der Nationalmannschaft gegen England.
Während der DFB unter Führung ihres Vorsitzenden Egidius Braun lange die Brisanz nicht erkennen wollte, sagten die geplanten Austragungsorte München, Hannover und Hamburg ab. Berlin sollte das Spiel schließlich ausgerechnet im Olympiastadion von 1936 ausrichten. Offiziell wurden über 10.000 Rechtsradikale aus England und Deutschland und zusätzlich rechten Hools zum Spiel erwartet. 40 Gruppen aus dem linken und bürgerlichem Spektrum kündigten Demonstrationen in Berlin an. Mehr Politik rund um das Stadion ging nicht. Nach einem Anschlag auf die Geschäftsstelle des Berliner Fußballverbandes, zu dem sich eine autonome Gruppe bekannte, sagte die FA, der englische Fußballverband, die Partie endlich ab. Die Bild titelte: „Schande! Warum kuscht ihr vor den Nazis?“
Attentat auf Daniel Nivel
Ein Wendepunkt für die Hooligan-Szene war der Angriff deutscher Fans während der WM1998 in Frankreich auf den Polizisten Daniel Nivel. Er wurde am 21. Juni 1998 in Ausübung seines Dienstes von mehreren deutschen Hooligans angegriffen wurde. Als er schon wehrlos am Boden lag, schlugen und traten sie weiter auf ihn ein. Der damals 43-jährige Ehemann und zweifache Vater lag anschließend sechs Wochen im Koma. An den Folgen der Gewalttat leidet Nivel bis heute. Er ist halbseitig gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen, auf einem Auge blind und kann nur mühsam sprechen. Sechs der Hooligans wurden später zu Haftstrafen verurteilt, einer davon wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren, berichtet wikipedia von den Geschehnissen.
Für Peter Römer hatten die Hooligans damit ihren Zenit überschritten. „Das Vakuum füllten nun die Ultras“, so Römer. Inzwischen gab es erste Zusammenschlüsse von Fangruppen, die sich auch sozial und vor allem gegen rechts engagierten. Dies sogar über die eigenen Fußballvereine hinaus. Trotzdem war und ist das Stadion überwiegend ein Ort, der von Rechten politisch genutzt wird. Die linken, autonomen Fußballanhänger eroberten sich die Ränge am Hamburger Millerntor, was natürlich auch nicht gewaltfrei gelang. Später wuchs der Faneinfluss auf den Verein FC St. Pauli, der zwar weiterhin kapitalistischen Fußball anbietet, aber vielfältige ökologische, soziale, antirassistische Projekte in die Fußballwelt einbringt.
Bei den überwiegend jungen Ultras entwickelte sich ein Teil der Gruppen nach links. Homophobie, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus wird bekämpft. Doch in vielen Stadien dominieren auch heute noch Rechte, die zunehmend auch auf der Straße gemeinsam agieren. Am Angriff auf den links dominierten Leipziger Stadtteil Connewitz am 16. Januar 2016, dem ersten Jahrestag der rechtsradikalen Legida, nahmen auch Fußballfans der Vereine Dynamo Dresden (u.a. Faust des Ostens), Lokomotive Leipzig und Hallescher FC teil. Aktuell nutzen die rechten Fußballfans auch die Proteste gegen die Coronamaßnahmen für die Mobilisierung neuer Rechter.
Abschlussfolie des Vortrages von Peter Römer.
Stadien sind politische Orte
Zum Abschluss verdeutlichte Peter Römer, dass die Stadien Anteil am Wachstums des Rechtsradikalismus in Deutschland haben. Aber es gäbe auch positive Zeichen von den Rängen, wie die Ultras mit ihrem breiten Handlungsfeldern zeigten. Sie wären „Wertewandler“ in den Fußballarenen. In der anschließenden Diskussion stellte Römer klar, dass auch der Antisemitismus in den Stadien nicht verschwunden sei. Allerdings würde weniger abwertend, sondern eher verschwörungstheoretisch gegen jüdisches Leben agiert. Edo Schmidt brachte die Rolle der Polizei in die Diskussion ein. Für Römer ein sehr differenziertes Thema, welches eine eigene Veranstaltung wert sei.
„Nazis raus“-Rufe nach rassistischer Beleidigung eines Gästespielers
Nicht thematisiert wurde das vorbildhafte Verhalten der Preußenfans im Februar vergangenen Jahres im Heimspiel gegen die Würzburger Kickers. Ein 29-jähriger Mann hatte den Würzburger Profi Leroy Kwadwo rassistisch beleidigt. Die Preußenfans zeigten dem Ordnungsdienst den Übeltäter, der diesen aus dem Stadion entfernte und ihn der Polizei übergab. Begleitet wurde dies mit lautstarken „Nazis raus“-Rufen der über 5000 Zuschauer*innen auf den Rängen. Wahrscheinlich blieb diese wehrhafte Aktion der Münsteraner Fußfans am Montagabend unerwähnt, da Münster und auch seine Fußballfans ziemlich geschlossen gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsradikale politische Bestrebungen zusammenstehen.
Mit dieser Folie wies Peter Römer die Verbindung rechter Fans mit Coronademonstrant*innen nach. Links oben ein Banner am Kopf einer Demonstration. Später tauchte das Banner im Stadion auf.
Verstrahlt „Preußens Gloria“ den Verein?
Allerdings auch nicht thematisiert wurde der unrühmliche „Vorname“ des SC Preußen Münster 06. Angesichts der historischen Bedeutung des früheren Königreichs und späteren Freistaates in der Weimarer Republik läuft dem geschichtsbewussten Fußballfans bei den Anfeuerungsrufen „Preußen – Preußen“ im Stadion schnell ein Schauer über den Rücken. Allerdings nicht wegen dem klasse Support der Münsteraner Mannschaft durch ihre Anhänger*innen, sondern allein wegen des Vereinsnamens. Er bedeutet quasi das Gegenteil von lokalem Patriotismus, von dem der Vereinsfußball maßgeblich lebt.
Nach dem Wiener Kongress wurde durch die „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“ vom 30. April 1815 Preußen in zehn Provinzen eingeteilt, eine davon wurde Westfalen mit der Provinzialhauptstadt Münster. In Westfalen wurden zahlreiche zuvor eigenständige Territorien mit unterschiedlichen Traditionen und Konfessionen im Königreich Preußen zwangsvereinigt. In Münster führte dies zu viel subtilem bis offenen (Kulturkampf), stark katholisch geprägten Widerstand. 1947 erklärte der Alliierte Kontrollrat Preußen für aufgelöst. Die Vereinsverantwortlichen des SCP hielten nach dem Krieg den Clubnamen fest, obwohl insbesondere die Münsteraner Poahlbürger – siehe Vereinsgründung des SC Münster 08 – bis heute ein schwieriges Verhältnis zum Verein (bedenke Stadionsituation) haben.
Die Veranstaltung mit dem Historiker Peter Römer fand im Rahmen der Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ an der Liebfrauen-Überwasserkirche statt. Am kommenden Montag, dem 5. Juli, um 19 Uhr führt der Fanport Münster im Gemeindesaal der Pfarrei Liebfrauen-Überwasser (Katthagen 2, 48143 Münster) eine Podiumsveranstaltung mit Kurzvorträgen und anschließender Diskussion unter dem Titel „Zugänge. Jüdischer Sport in Deutschland und im Münster der 1930er Jahre“ durch. Auf dem Podium werden Prof. Lorenz Peiffer (Jüdischer Sport in Deutschland – Veränderungen nach 1933), Gisela Möllenhoff (Sport im Abseits in Münster während der NS-Zeit) und Jan Becker („Spurensuche“ – ein Projekt für Schüler*innen und Jugendliche über Sport in Münster während des Nationalsozialismus) Platz nehmen. Aufgrund der begrenzten Teilnehmer*innenzahl ist eine Voranmeldung per Email erforderlich.