Petra Reski warnt

„Die Mafia ist in überall in Münster“

Mehr Interessenten als erwartet drängelten sich bei der Lesung von Petra Reski im Gemeindesaal im Paul-Gerhardt-Haus. Fotos: Nils Dietrich

„Der Unterschied zwischen der italienischen Mafia und den anderen Clans der Organisierten Kriminalität ist die Politik“, verdeutlichte am Freitagabend die Journalistin Petra Reski, die deutsche Mafiaexpertin mit Wohnsitz in Venedig. Traditionell ist eine der großen Einnahmequellen der Cosa Nostra aus Sizilien oder der kalabrischen ’Ndrangheta das Umlenken öffentlicher Gelder in ihre Taschen, erläuterte Reski. Dabei sei für die Mafia ein gutes Verhältnis zu den Herrschenden besonders wichtig. Kommunal strebten Mafiosi eine Verzahnung mit Politik und Stadtgesellschaft an. „Das geht mit dem kostenlosen Grappa in der noblen Pizzeria, in der auch lokale Prominenz aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft verkehrt, los und weiter über das kostengünstige Catering bei der Parteiveranstaltung“, so Reski.

Petra Reski in Münster.

Auf Nachfrage aus dem Publikum verdeutlichte die Referentin: „Die Mafia ist sehr lernfähig. Früher brannten Pizzerien, wenn die Betreiber nicht spurten – heute wechseln die Inhaber häufiger, um Geldwäsche betreiben zu können. Während in Kalabrien oder auch in Teilen Siziliens noch immer Schutzgeld genommen wird, läuft dies in Deutschland über den Zwang überteuerte Weine oder andere Importwaren von den Clans zu erwerben. Die Schutzgeldzahlungen in Italien dienen vermutlich nur noch dazu, die örtlichen Herschaftsgebiete abzugrenzen und lokale Macht zu demonstrieren“, so Petra Reski.

Anders agiert die ’Ndrangheta in Deutschland und natürlich auch in Münster. Begünstigt werden die illegalen Geschäfte der Mafia durch das Schweigen der Politik: „Ich habe keinen deutschen Politiker getroffen, der das Wort Mafia in den Mund genommen hätte.” Das sei für sie immer ein italienisches Problem, so die 60-jährige Journalistin.

Dabei stebten sie – nicht nur die kalabrischen Clans – in den jeweiligen Orten ein gutes Verhältnis mit den Herrschenden an. So bemühten sich Mafiosi häufig, Mitglied in für die Stadtgesellschaft wichtigen Institutionen oder Vereinigungen zu werden, um dann möglichst in einflussreiche Positionen zu kommen. In Einzelfällen strebten Mafiosi sogar nach öffentlichen Funktionen, mit denen sie ihre kriminellen Taten dann unter dem Deckmantel eines führenden Mitglieds der Stadtgesellschaft gut verstecken können. Die positiven Nebeneffekte dabei sind die Erhöhung des eigenen Bekanntschaftgrades und dies als „Normalbürger“ sowie der enge Kontakt zu nahezu allen wichtigen Mitgliedern der Stadtführung. Dies dürfte Ihnen dabei ganz besonders wichtig sein.

Da in Deutschland – anders als in Italien, wo die Mafia sehr erfolgreich bekämpft wird – kaum über die Machenschaften der Clans und ihrer Mitglieder berichtet werden darf, hat sich Petra Reski, die erfolgreich von Mafiosi vor deutschen Gerichten verklagt wurde, auf die Fiktion verlegt. In ihren bislang drei Romanen „Palermo Connection“ (2014), „Die Gesichter der Toten“ (2015) und „Bei aller Liebe“ (2017), die alle auf realen Unterlagen zum Beispiel des Bundeskriminalamtes oder von Gerichten beruhen, lässt sie die mutige italienische Staatsanwältin Serena Vitale und den deutschen Journalisten Wolfgang W. Wieneke ermitteln. In Münster las Petra Reski aus „Bei aller Liebe“.

Sie hatte unter anderem den Abschnitt ausgewählt, in der in einer Pressekonferenz in seinem mittelalterlichen Wasserschloss am Niedrhein der neue Anti-Mafia-Verein „Cosa Nostra e.V.“ des Clanchefs ’Ntoni präsentiert wird. Der Europaabgeordnete Michael Maier, Gründungsmitglied des Vereins, durfte erklären, „dass wir die Oberbürgermeister von Oberhausen, Krefeld, Mönchengladbach und Viersen als Schirmherren haben gewinnen können.“ – so funktioniert Mafia!

Mafia Calabria in Bella Monasteria!

Lesung von Petra Reski in Münster

„Münster ist eine Welt, die im Wesentlichen aus rotem Klinker, imposanten Kastanienbäumen und der Überzeugung besteht, dass hier nichts Schlimmeres passieren kann, als von einem militanten Radfahrer überfahren zu werden“, schrieb die Journalistin Petra Reski in ihrem 2010 erschienen Buch „Von Kamen nach Corleone“. Da waren die ‚Ndrangheta-Morde von Duisburg noch frisch in Erinnerung.

Petra Reski liest am 1. Februar im Paul-Gerhardt-Haus in Münster.

Auch in ihrem aktuellen Sachbuch „100 Seiten Mafia“ ist Münster präsent: „562 italienische Mafiosi leben in Deutschland, allein 333 davon gehören zur ‚Ndrangheta – der mächtigsten Mafiaorganisation in Deutschland. […] In Nordrhein-Westfalen ist die ‚Ndrangheta vor allem in Duisburg und Bochum, Oberhausen und Essen, in niederrheinischen Städten wie Kaarst und Xanthen, Kevelaer und Neukirchen-Vluyn, Wesel und Dinslaken präsent. Aber auch in einer Universitätsstadt wie Münster, wo sich der aus Crotone stammende Clan Grande Aracri eingerichtet hat.“

Die führende Expertin für Organisierte Kriminalität mit italienischen Wurzeln in Deutschland weist in ihren Publikationen immer wieder darauf hin, dass die Clans versuchen, in den Stadtgesellschaften einflussreiche Positionen zu erobern. So seien viele Mafiosi in den wichtigen lokalen Vereinigungen aktiv, um so beste Verbindung in die führende Stadtgesellschaft zu bekommen. Teilweise scheuten sie auch nicht davor zurück, sich durch besonders exponierte Ämter in der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

„In Münster hat die Mafia freies Spiel“ hieß der zuletzt in den Westfälischen Nachrichten (Onlineausgabe) über Petra Reski veröffentlicht wurde.

Die Veröffentlichungen von Petra Reski wurden von den Clanmitgliedern nicht nur nicht gern gesehen, sondern auch juristisch bekämpft. Allerdings führt die in Venedig lebende gebürtige Westfälin, die in Münster nicht nur ihr Studium abschloss, sondern 1984 und 1985 auch als Freie Mitarbeiterin in der Münsterschen Zeitung (unter anderem über den damaligen Karnevalsprinzen von Münster) veröffentlichte, häufig einen einsamen Kampf. Die deutschen Gerichte werten bei Verdachtsberichterstattung die Persönlichkeitsrechte von Unternehmern, die im Verdacht mafiöser Handlungen stehen, höher, als das Recht über diese Fälle zu berichten. Bücherpassagen von Petra Reski mussten geschwärzt werden, was viele Redaktionen so einschüchterte, dass sie eine Berichterstattung über die Mafia fortan einstellten. Auch ihr Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ war davon betroffen.

Deshalb wechselte Petra Reski das Genre, erfand die Ermittlerin Serena Vitale sowie den Journalisten Wolfgang W. Wieneke und wurde Krimiautorin. Ihr jüngster und dritter Mafiakrimi „Bei aller Liebe“ erschien vergangenes Jahr und handelt von dem Geschäft der Mafia mit den Migranten.

Am 1. Februar ist Petra Reski in ihrer Studienstadt Münster zu Gast und wird am Abend (19.30 Uhr) im Paul-Gerhardt-Haus lesen und natürlich mit den Besuchern über die „Mafia Calabria in Bella Monasteria!“diskutieren. Der Eintritt beträgt zehn Euro beziehungsweise 8,50 Euro im Vorverkauf.

Das jüngste Buch „100 Seiten Mafia“ von Patra Reski ist im Herbst 2018 erschienen. „Weil mir am Ende meiner Lesungen immer tausend Fragen zur Mafia gestellt werden, habe ich dieses Büchlein geschrieben, das die wichtigsten Fragen beantworten soll, also Dinge wie: Warum es der Mafia in Deutschland so leicht gemacht wird, oder wie einfach es in Deutschland ist, Journalisten zu verklagen “, schreibt die Autorin auf ihrem Blog, wo es auch eine Leseprobe zum Download gibt.