Schweigen hinter dicken Mauern

Einkehrtage in historischen Klöstern auf der Romanik-Route

Ein Beitrag, erschienen auch in den Westfälischen Nachrichten, von meiner alten Homepage. Erstmals veröffentlicht am 22. Mai 2014.

Sanft schlägt die Glocke der romanischen Klosterkirche zum Frühgebet. Aus dem „Haus der Stille“ des ehemaligen Benediktinerinnenklosters Drübeck am Randes des Harzes, dort sind die Teilnehmer der Einkehrtage in Einzelzimmern untergebracht, schreitet – schweigend wie Mönche – die Gruppe die Treppen zum Kircheneingang herab.

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Nur die Schritte der Einkehr-Gäste sind zu hören, bis Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert vor dem Altar die Gruppe begrüßt. Die versammelten Schweiger sind Journalisten aus ganz Deutschland, die auf Einladung des Fremdenverkehrsverband Sachsen-Anhalt ein spezielles Angebot auf der seit 20 Jahren bestehenden Straße der Romanik erleben dürfen. Schweigen und berichten? Geht das überhaupt, denn Journalisten leben von der Kommunikation und das Fragen gehört zwingend zum Einstieg in jede Geschichte – in jede Berichterstattung.

Aber diesmal ist alles anders. Die Selbsterfahrung steht im Mittelpunkt, denn durch das Schweigen rücke ich selbst immer mehr ins Zentrum meiner Gedanken. Seit 15 Uhr am Vortag habe ich nicht mehr gesprochen, habe mein iPhone nur als – nicht notwendigen – Wecker benutzt, den Fernseher aus gelassen und auch die Anrufe nicht angenommen, die SMS, WhatsApp-Nachrichten und Emails unberücksichtigt gelassen. Schließlich bin ich im Haus der Stille, weshalb auch kein Klingelton die Geräusche aus der Natur und von den anderen Gästen des Klosters übertönt.

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Stumm stehen die Journalisten in der Klosterkirche, deren erste urkundliche Erwähnung vom 1. August 1004 stammt. Brigitte Seifert lädt die Runde zur Morgenandacht ein. Meine Ohren lauschen der Pfarrerin, aber meine Gedanken sind bei mir.

Nicht zu sprechen, fällt mir schwer. Gerade mir, der schnell und gern seinen Wortbeitrag leistet. Aber das Schweigen seit dem gestrigen Nachmittag hat mich schon verändert. Ich reduziere mich auf den stillen Beobachter, der zudem ständig mit seinen Gedanken beschäftigt ist. Die Arbeit, mein Ehrenamt im Sportverein, meine Gesundheit, meine Familie, meine Freunde und die Beziehung zu den Einzelnen – alles steht durch wenige Stunden Schweigen und einem sehr ruhigen Schlaf in dem kargen aber mit allem Notwendigem für einen erholsamen Aufenthalt ausgestattetem Zimmer plötzlich auf dem Prüfstand.

Nach der Begrüßung in der Tagungsstätte Kloster Drübeck der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit dem angeschlossenem Pädagogisch-Theologischen Institut, dem Haus der Stille, einem Pastoralkolleg und einem Medienzentrum wurde mein Mund verschlossen. Brigitte Seifert hatte in der ersten Ansprache deutlich gemacht: „Wir wollen auch den Rastlosen Ruhe bieten. Während der Einkehrtage können unsere Gäste die in klösterlichen Gemeinschaften auch heute noch geübte Tradition des freiwilligen und erholsamen Schweigens ausüben.“ Zudem bietet Kloster Drübeck ein Rahmenprogramm mit täglich mehreren Gottesdienst, Meditationssitzungen und Körpererfahrung in den Klostergärten, die sich auch hervorragend eignen, um sich am Tag zurückziehen zu können. „Reduce to the max“ bedeutet im Kloster Drübeck – reduziert auf mich selbst.

Einigen Teilnehmern der Journalistengruppe fällt es schwerer als mir, nicht verbal zu kommunizieren. Beim gemeinsame Essen im extra von den nicht schweigenden Gästen getrennten, dafür lichtdurchfluteten Speiseraum reichen die Gesten und die ausdrucksvolle Mimik. Doch eine Kollegin hält es kaum aus. „Ich durfte als Kind beim Essen nicht sprechen, so lange der Teller nicht leer war“, erklärte sie und machte deutlich, dass das Schweigen auch bei ihr zur Selbstreflexion führte. Ich habe mich schon fast an das Schweigen gewöhnt. Es ist sogar wohltuend zu erleben, dass alles seinen Gang geht, auch wenn ich nicht verbal darauf Einfluss zu nehmen versuche. Mein Ich reduziert sich schon nach wenigen stillen Stunden auf die wirkliche Größe und die Erkenntnis – ich kann, aber ich muss nicht – wirkt schon fast wie eine Befreiung. Eine Reinigung, die Kraft schafft für neue Ideen, für neue Initiativen und für die nüchterne Betrachtung des „war“ und des „ist“.

Pfarrerin Irene Sonnabend, die mit der Leiterin des Haus der Stille, Dr. Seifert, zusammen die Gäste betreut und Meditation in Stille und Klang (meditatives Singen), Integration von Leib und Seele über Atem- und Leibarbeit, Herzensgebete und auch seelsorgerliche Begleitung bietet, lässt uns in einem der ehemaligen Gärten der Stiftsdamen zur Körpererfahrung in Stille ein. Barfuß durchstreifen wir den Garten. An Turnübungen erinnernde Bewegungen beim „Leibgebet“ lösen die Körperspannungen und öffnen die Sinne.

Die Umweltgeräusche der modernen Zeit, vorbeifahrende Autos, tuschelnde Kulturtouristen im Kloster, die nicht-schweigenden Gäste werden überlagert von den Naturlauten. Das Rascheln der Blätter, das Knirschen des Kies unter meinen Füßen und die blökenden Schafe dringend in mein Ohr. Die Hände erspüren feuchte Blätter, die Augen saugen das durch die Wolken brechende Sonnenlicht auf, die Nase fängt den Duft von Rosmarin und Nelken ein, der Gaumen genießt den Geschmack der frisch geflückten Pfefferminze. Inmitten des Alltags tat sich eine Insel auf, die Kraft und Zuversicht gibt.

Die ersten Worte fallen nach dem Schweigen schwer. Ich habe das Gefühl, dass Worte viel wichtiger geworden sind. Die Wirkung wird nun mehr bedacht, ehe ich losplappere. Schon wenige Stunden des stillen Daseins reichten, um mein Leben zu sortieren – das Wichtige vom Unwesentlichen zu trennen. Eine Erfahrung, die mein Leben nicht verändert, aber mich mit den Füßen wieder auf den Boden brachte. Das Schweigen kann, wie Dr. Seifert versichert, auch Menschen mit negativen Erlebnissen wieder zurück ins tägliche Leben führen.